Entscheidungen treffen

Bereits als Baby werden wir schon vor Entscheidungen gestellt, wir haben z. B. die Möglichkeit wenn Mama und Papa uns auf den Arm nehmen wollen zwischen den beiden zu wählen, oder uns zu entscheiden zu erst zur Rassel oder zum Kuscheltier zu krabbeln, Vanille,- oder Schokoladen-Eis zu bestellen, Verstecken oder Puppe zu spielen und viele weitere Entscheidungen. Für einige von uns wird das Entscheiden immer schwieriger. Wenn Sie dann irgendwann vor einem Süßigkeiten-Regal stehen und sich eine Tüte aussuchen dürfen, dann fällt manchmal die Entscheidung schwer. Noch schwieriger wird es, wenn man sich dann auch noch mit Geschwisterkindern auf eine Tüte einigen soll…

Entscheidungen begleiten uns das ganze Leben, mit der Zeit werden sie herausfordernder. Sich nicht zu entscheiden lässt uns in einem Zustand der Unzufriedenheit. Wer sich nicht wirklich entscheiden „kann“ (ich würde jetzt sagen „will“) ist meist unzufrieden, egal ob man dann in dem Moment das eine oder andere wählt, so lange man sich nicht bewusst und mit innerer Zustimmung entscheidet, bleibt „das Ergebnis“ unbefriedigend.

Es gibt viele unterschiedliche Entscheidungstypen, z.B. für manche Menschen ist das Entscheidungen treffen ganz einfach, sie wissen sofort was sie wollen. Dann gibt es Menschen die etwas zögern und die Vor,- und Nachteile abwägen, es gibt Menschen die prozentual die Wahrscheinlichkeit berechnen, es gibt Menschen die Blind vertrauen, es gibt Menschen die nur auf ihr Bauchgefühl hören, es gibt Menschen die mal das eine und mal das andere anwenden und es gibt Menschen die sich schwer entscheiden können.

Der letzt genannte Fall kommt bei mir in der Familie vor. Der Satz: „Ich kann mich nicht entscheiden“ hat sich bei meiner Tochter bereits an Platz 1 der meist gesagten Sätze vorgekämpft. Wie oft standen wir am Süßigkeitenregal, am Spielzeugregal, an der Kleiderstange, im Restaurant… Wie oft habe ich ihr irgendwann die Entscheidung abgenommen und mich für sie entschieden, da nach 30 Minuten bei uns allen die Luft raus war, um noch länger zu warten. Ich habe ihr sogar ein süßes Buch gekauft in dem genau das Thema angesprochen wurde und man sich immer wieder neu für eine Geschichte entscheiden sollte. Das Buch fand sie lustig.

Natürlich ist das nicht immer so, doch in Momenten wenn wir am Frühstückstisch morgens kurz vor der Schule sitzen und ich sie frage was sie essen will, ihr einige Vorschläge mache und sie mir ganz verwirrt sagt, dass sie sich nicht entscheiden kann, dann wird´s knapp mit der Zeit.

Neulich haben sich meine Töchter gewünscht in einen großen Spielzeugwarenladen zu fahren. Sie lieben Violetta, eine Jugendserie und die Produkte zu der Serie sind unter den Mädchen gerade heiß begehrt. Ich willigte ein, da sie genug Taschengeld angespart haben, um sich ihren Wunsch zu erfüllen. Wir hatten ausgemacht, dass sie 30 Minuten zur freien Verfügung hatten, ich würde sie dann abholen kommen. Nach 30 Minuten am Violetta Buchregal teilte ich ihnen mit, dass die Zeit vorbei sei und ich jetzt gerne nach Hause fahren möchte. Da ging die Entscheidungsfindung los, Buch mitnehmen oder nicht? Eine von beiden hatte sich schnell entschieden, sie wolle kein Buch die andere war sich sehr unsicher. Sie nahm eines mit zur Kasse, aber ihr Gesichtsausdruck sprach für mich Bände: „Ich kann mich nicht entscheiden“ stand ihr im Gesicht geschrieben. Diesen Gesichtsausdruck habe ich schon oft gesehen.

Kurz vor der Kasse blieb sie stehen und rührte sich keinen Schritt, sie kann sich nicht entscheiden. Ich wartete geduldig bot ihr ein paar Überlegungen an wie: Magst du Violetta (Antwort „ja“) und hast du genug Geld dafür (A: „Ja“) möchtest du es haben? (A: „Ich kann mich nicht entscheiden!“) Nachdem ich ihr noch zwei Minuten zur Entscheidungsfindung gegeben hatte, trottete sie zurück zum Bücherregal und brachte es weg. Wir sind also wegen Violetta in Spielwarenhandel gefahren und keiner nahm was mit. Viele Eltern würden sich darüber riesig freuen, denn ihre Sprösslinge würden den halben Laden leer kaufen, sie würden sich weil sie etwas wollen sogar auf den Boden werfen, bei uns bleibt der Korb oft leer. Na gut, ich finde immer etwas was ich mitnehmen kann, also es war nicht ganz so umsonst. 😉

Meine Tochter kam ohne Buch zurück. Der Gesichtsausdruck sprach Bände: „Sie schlug sich mental, dass sie sich mal wieder nicht entscheiden kann.“ Mir war klar, wenn ich so mit ihr nach Hause fahre, ist der restliche Tag gelaufen. Sie wird sich in ihr Zimmer verkrümeln, sich auf ihr Bett legen und traurig sein darüber, dass sie sich nicht entscheiden konnte.

In der Zwischenzeit hatte meine andere Tochter Violetta Karten gefunden und sich bereits für drei Packungen entschieden. 15 Karten 3 EUR. Sie stellte sich strahlend an die Kasse, holte aus ihrem Portemonnaie 3,- EUR raus, zahlte und kaum hatte sie sich einen Schritt von der Kassiererin entfernt öffnete sie gierig die Päckchen. Jubelrufe, Freude, Spannung alles auf einmal. Ich muss dazu sagen, dass sie der anderen Schwester nur nacheifert, vor zwei Tagen hatte sie noch erzählt, dass sie Violetta nicht mag. Ihre Entscheidung, ich mische mich da nicht ein. Die Frage ob es ihr gefällt bejahte sie, alles klar. Meine andere Tochter stand daneben und ihr Gesichtsausdruck hatte sich versteinert. Ich konnte die Hiebe förmlich spüren die sie sich versetzte. Ich fragte sie, ob sie sich auch Karten mitnehmen möchte, aber ich bekam nur die Antwort: „Ich kann mich nicht entscheiden“.

In der Zwischenzeit hatte sich die Kleine bereits ein weiteres Päckchen gekauft und öffnete es voller Vorfreude. Langsam verließ ich das Geschäft mit einer überglücklichen und einer unglücklichen Tochter. Draußen war es heiß, 36 C. Wir stiegen in das Auto. Die Violettakarten Besitzerin strahlte und begutachtete ihre Karten, stellte fest dass sie eine doppelt hatte, schenkte sie ihrer zusammengekaurerten Schwester und präsentierte uns, was sie da für eine tolle Wahl getroffen hatte. Die andere saß im Auto wie ein Häufchen Elend. Meine ToDo Liste meldete sich, wir hatten bereits 30 Minuten länger gebraucht als vorgesehen. Ich beschloss erst zu fahren, wenn sich meine unglückliche Tochter in eine zufriedene Tochter gewandelt hatte. Mir war klar, dies könnte Stunden dauern. Nach kurzer Ansprache öffnete ich das Dach meines Cabrios, ein Glück hatte ich im Schatten geparkt, hier lässt es sich noch aushalten.

Ich eröffnete das Gespräch: „Ich fahre erst“, sagte ich zu ihr, „wenn du mir ins Gesicht schaust und mir sagst, dass du mit deiner Entscheidung die du heute getroffen hast zufrieden bist.“ Ihr Blick traf mich wie ein Pfeil, wow, jetzt hätte ich Tod sein können.

Stille, keine Antwort. Ich wiederholte: „Wir fahren erst, wenn du mir sagst dass du mit deiner Entscheidung zufrieden bist, denn keine Entscheidung ist richtig oder falsch.“ Eine Entscheidung ist lediglich eine Entscheidung für den Moment, wenn du dich morgen anders entscheidest ist das auch O.K., wichtig ist, dass du mit deiner Entscheidung jetzt zufrieden bist, denn mit dem Gesichtsausdruck von dir und der dahinter liegenden Laune möchte ich nicht nach Hause fahren. Ich weiß, dass du dann unglücklich sein wirst. Wir beide kennen die Folgen. Ich bin nicht mit euch voller Vorfreude hier her gekommen, um ein unglückliches Kind wieder mit nach Hause zu nehmen“.

Ich hörte nur ein Murmeln, irgendwas mit „zufrieden“ hörte ich, der Blick war auf ihren Schoß gerichtet. O.K. ich wusste, wenn ich hier mit zwei zufriedenen Mädchen wegfahren möchte, streiche ich erstmal die ToDo Liste aus meinem Kopf und verändere sie auf einen Punkt:
Mit zufriedenen Mädchen nach Hause fahren.

In der Zwischenzeit fragte mich die andere, ob sie noch Mal in den Laden gehen darf, sie würde gerne noch ein Päckchen kaufen. „Klar wir haben ja jetzt Zeit.“ 😉

Sie holte welche, kam wieder, freute sich und ich saß bereits auf der Rückbank neben meiner großen Tochter und hielt sie im Arm. Ich wollte wissen, was es ist was sie nicht entscheiden lässt. Die ersten 5 Minuten bekam ich ein „ich weiß es nicht“ zu hören, doch dann rückte sie mit der Wahrheit raus: „Ich weiß nicht ob die Karten das Geld wert sind!“ Da lag der Hund begraben! Paar Infos zu meiner großen Tochter: Die Große ist bereits mit ihren 10 Jahren ein Businesstalent. Sie entwickelt in ihrer Freizeit Firmen, inklusive Logo und Branding, hat Geschäftsideen und verkauft ihre ausgedachten Produkte andern Kindern, Fremden, who ever. Der erste und letzte Gedanke bei ihr sind, wie kann ich etwas monetarisieren. Von wem sie das wohl hat 😉

Bereits am ersten Tag als sie ihre Loops Bänder zur Schule genommen hatte um sie zu verkaufen, kam sie mit einer Bestellliste mit 40 weiteren Bestellungen nach Hause. Schön sorgfältig hatte sie aufgeschrieben welches Kind, welches Muster, welche Farbe wollte und ob es bereits gezahlt hatte. Kaum zu Hause angekommen, verzog sie sich damals in ihr Zimmer mit der Info: „Mama ich gehe arbeiten, heute habe ich für nichts anderes mehr Zeit!“

Mein Mann und ich sind fast vom Stuhl gefallen, dass unsere Tochter mit 9 Jahren bereits ihren Laden aufgebaut hatte. Sie bastelte sich Logo, hatte sogar Mitarbeiter die kostenlos für sie Bänder machten und sie lernte neue Muster. Momentan plant sie einen Ponnyhof, den sie bereits durchdacht mit Bauplänen und Angestellten Listen und Zeitplan fein säuberlich auf ihrem Schreibtisch zu stehen hat und immer wieder weiter daran arbeitet. 2025 wird der Ponnyhof eröffnet.

Diese Tochter sitzt wie ein Häufchen Elend neben mir und überlegt ob die Karten etwas wert sind. Ich erklärte ihr was „Wert haben“ bedeutet. Beispiele halfen mir ihr zu sagen, dass ein Wert davon abhängt, was Menschen dafür zahlen wollen. Nur wenn es einen Käufer gibt, der den Preis zahlen will, ist dieses Produkt den Preis wert. An sich ist ein Produkt wertlos, wenn es keine Käufer dafür gibt. Ich erzählte ihr von unserem Bild, das wir einem Maler abgekauft hatten, wir haben für dieses Bild 1000,- EUR gezahlt, weil es uns das wert war, jemand anders hätte vielleicht nicht ein mal 5,- EUR dafür zahlen wollen. Wenn wir uns jetzt fragen würden, ob es immer noch 1000 EUR wert ist, können wir das nur sagen wenn wir wieder einen Käufer finden, der es uns für 1000 EUR oder mehr abkaufen würde. Wenn wir keinen Käufer finden, ist das Bild uns 1000 EUR wert, aber für andere wenn wir es überspitzt sagen würden „wertlos“.

Diesem Beispiel folgten einige andere und sie verstand langsam was ich ihr sagen wollte. Die Frage, ob sie die Karten nur kaufen wollen würde, um in Zukunft damit Geld zu verdienen verneinte sie. Die Frage ob sie Spaß daran hätte bejahte sie. „Wieso also nicht Geld ausgeben für etwas was dir Spaß macht? Wozu soll es anderen etwas wert sein? Ist es nicht am wichtigsten, dass es dir jetzt etwas wert ist?“ Ihr Gesichtsausdruck lockerte sich, ihre Gedankenmaschine ratterte. Sie verstand, dass sie einfach nur Spaß haben wollte und die Karten nicht wollte um damit Geld zu verdienen, es war ja überhaupt nicht nötig, dass sie damit Geld verdiente.

Ich fragte sie erneut, bist du zufrieden mit deiner bisherigen Entscheidung die Karten nicht zu kaufen? Sie antwortete klar: „Nein“
„Was möchtest du jetzt machen?“ entgegnete ich ihr. Sie wollte Karten kaufen, sie schaute in ihr prall gefüllte Portemonnaie. Ja sie wollte Karten kaufen, aber sie wollte nicht selbst zur Kasse, vor Angst sie könnte sich vielleicht im letzten Moment umentscheiden. Die kleine Tochter war bereits in der Zwischenzeit drei weitere Male shoppen gewesen und hatte schon einen stattlichen Stapel an Violetta Karten angehäuft. Sie wurde jetzt beauftragt 3 nein 4 nein 5 Päckchen Violetta Karten für ihre Schwester kaufen zu gehen. Selbstsicher stieg sie aus dem Auto und führte erfolgreich den Auftrag aus.

Der Gesichtsausdruck der bisher unglücklichen Tochter änderte sich. Ich sah, es war noch nicht vollständig. Ich fragte sie, ob sie jetzt zufrieden sei. Ja, sie freue sich über die Karten hätte aber gerne doch noch zwei weiter Päckchen. Als sie ihre Schwester wieder beauftragen wollte für sie den Einkauf zu tätigen sagte ich ihr, dass jetzt der beste Zeitpunkt für sie sei es selbst zu tun. Zögerlich stieg sie aus dem Auto, erfahren ging ihre Schwester vor und dirigierte sie in den Laden. Kurze Zeit später kamen beide Mädchen zurück. Beide hatten sich noch Karten gekauft und öffneten sie bereits. Viele tolle Karten kamen zum Vorschein, ein zufriedener Gesichtsausdruck machte sich in ihrem Gesicht bemerkbar. Ich fragte sie erneut: Bist du mit deiner Entscheidung jetzt zufrieden? Lächelnd schaute sie mich an: „Ja Mama, ich bin zufrieden.“ Auf meine Frage ob ich jetzt losfahren könnte erhielt ich ein einstimmiges „ja“!

Ich hoffte nur noch, dass der Parkchip den ich mir freimachen lassen habe nach 1,5 Stunden noch funktionierte. Die Schranke ging auf – juhu, meine wichtigste ToDo für heute konnte abgehakt werden!

Genieße deinen Tag und bis in Kürze

Eva