Warum unvollständige Kommunikation schadet

Jeder von uns wird es kennen, eine unausgesprochene Situation wird oft zur Qual. Sie bedrückt uns im wahrsten Sinne des Wortes. Meist spüren wir den Druck auf der Brust oder im Hals. Diesen Druck schleppen wir so lange mit uns mit, bis diese Situation geklärt ist. Wenn sie nur verschoben, vergessen, verdrängt wird, bleibt der Druck bestehen und jedes Mal wenn wir die Person bei der die Kommunikation nicht vervollständigt wurde wieder sehen, oder an sie denken, erfahren wir diesen Druck aufs Neue.

Aber warum vervollständigen wir die Situation dann nicht einfach?

Es gibt viele Gründe, warum das Vervollständigen oft nicht umgesetzt wird.

Wir haben die Erwartung:
1. Dass der Andere die Situation anspricht.
2. Dass der Andere weiß, warum wir uns schlecht fühlen.
3. Dass der Andere sich entschuldigt.
4. Dass der Andere seinen Fehler einsieht.
5. Dass der Andere handelt.

Ebenfalls wird eine Situation oft nicht vervollständigt, da wir uns im Recht fühlen und den anderen ins Unrecht setzen. Wir bemessen Recht und Unrecht nach unserem Maßstab, ohne die Situation und die Reaktion des Anderen genauer zu hinterfragen.

Wer richtet über „Recht“ und „Unrecht“ über „richtig“ oder „falsch“, über „gut“ oder „böse“? Und was ist das „korrekte Richten“?

Leider muss ich dich enttäuschen, das gibt es nicht! Alles sind eigene Wertvorstellungen und Ideale, sowie die Moral die jeder für sich anwendet und die Entscheidung meist „für sich“ gefühlt positiv ausfällt, wenn wir uns nicht selbst hinterfragen.

Wie ist es dann möglich Situationen zu klären, um aus der Unvollständigkeit und dem inneren Ärger aussteigen zu können?

Meiner Meinung nach ist es wichtig Situationen anzusprechen und bei sich zu hinterfragen. Dies ist nicht gerade einfach und es kann gut sein, dass man erstmal auf Granit stößt. Dies kann mehrere Ursachen haben, zum einen kann es sein, dass du die Situation im Vorwurf ansprichst. Wenn du eine Situation im Vorwurf ansprichst, hat dein Gegenüber bereits verloren bevor du das erste Wort gesprochen hast. Er wurde von dir direkt in eine Schublade gesteckt und hat einfach keine Möglichkeit da raus zu kommen. In dem Moment ist es für den Gegenüber einfach nicht möglich die Situation mit dir zu klären, denn du lässt ihm keine andere Wahl, als dagegen zu sein und sich dagegen aufzulehnen.

Die „Kunst“ eine Vervollständigung hinzubekommen ist mit „Liebe“ an die Sache ran zu gehen und jedem Ergebnis zuzustimmen. Ohne Erwartung wie der andere reagieren muss ein Gespräch zu beginnen, einfach mit dem Gedanken eine Vervollständigung zu bewirken und nicht um sich ins Recht zu setzten. Nur wenn du jeder Reaktion des Gegenübers zustimmst (das heißt nicht das du sie gut findest, sondern dass du ihr zustimmst und ihn so sein lässt wie er ist ohne ihn abzuwerten) nur dann kann eine Vervollständigung stattfinden in der du mit der Situation ins Reine kommst.

Das klingt kompliziert und doch ist es ein Weg der zur Vollständigkeit führt.

Vielleicht klingt das alles jetzt zu theoretisch und du weißt gerade nicht wie das ganze funktionieren soll. Ich versuche es dir zu veranschaulichen.

Peter hat von seiner Freundin Claudia kein Foto auf seinem Schreibtisch im Büro. Als Claudia ihn mal von der Arbeit abgeholt hat ist ihr aufgefallen, dass er kein Foto von ihr auf dem Schreibtisch hat. Anstatt ihn zu fragen, warum er kein Foto von ihr auf dem Schreibtisch hat, war sie bedrückt und der Abend ist dementsprechend gedämpft verlaufen.
Peter wusste nicht was los war und konnte anhand des Verhaltens von Claudia nicht herausfinden wo ihr der Schuh drückt. Irgendwann eskalierte die Situation und Claudia warf ihm mit Vorwurf vor die Füße, dass er nicht einmal ein Foto von ihr auf seinem Schreibtisch auf der Arbeit hätte, was ein Beweis dafür sei, dass er sie nicht lieben würde.

Claudia hatte somit die Verknüpfung gebildet: Kein Foto von ihr auf seinem Schreibtisch, also keine Liebe.
Durch den Vorwurf ihm gegenüber wurde es nicht besser, denn er kann dann nur in die Abwehr gehen, wenn er sich nicht in Richtung „Weichei sein“ begeben will.

Wenn wir die Situation von außen betrachten, ohne jegliche persönliche Wertung aufzuerlegen sehen wir, dass keiner „Recht“ oder „Unrecht“ hat, Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“!

Beides ist gleichgültig oder gleich wert ein Foto auf dem Schreibtisch zu haben oder auch nicht.
Beides hat auch nichts mit mehr Liebe oder weniger Liebe zu tun, dies ist lediglich die persönliche Bewertung eines jeden Individuums.

Welche Möglichkeit hätte Claudia gehabt um eine vollständige Kommunikation zu erreichen?

Claudia hätte Peter erst Mal „aus Interesse“ ohne jegliche Wertung fragen können, warum er kein Foto von ihr auf seinem Schreibtisch hat. Wichtig dabei ist, jede Antwort von Peter zu akzeptieren und ihr zuzustimmen. Wie gesagt, man muss sie nicht gut finden, aber erstmal anerkennen, dass er diese Meinung hat. Im nächsten Schritt hätte sie die Möglichkeit ihren Wunsch zu äußern, in dem Sie anspricht, dass sie sich freuen würde, wenn er ein Foto von ihr auf dem Schreibtisch hätte. Auch hier wäre es wichtig, wieder die Einstellung des anderen anzuerkennen.

Claudia könnte sich während dem Prozess auch fragen, wozu sie sich wünscht, dass er ein Foto von ihr auf dem Schreibtisch haben soll. Was fehlt ihr, dass das Foto ausgleichen soll? Oft ist es nämlich nicht das fehlende Foto was das Problem bei Claudia verursacht, sondern etwas tiefer sitzendes. Es könnte sowas sein wie:
– Claudia möchte, dass er zeigt dass sie zusammen sind, damit andere Frauen erst gar nicht auf die Idee kommen sich an ihn ran zu machen (hat also etwas mit Vertrauen und Angst vor Verlust bei Claudia zu tun)
– Claudia möchte das Foto bei ihm auf dem Schreibtisch da es für sie ein Symbol ist, dass sie seine Nr. 1 ist (hat also etwas mit der eigenen Position bei Peter in der gemeinsamen Beziehung für Claudia zu tun)
– Claudia möchte, dass er die Beziehung öffentlich macht (am liebsten würde Claudia heiraten und das Foto wäre ein symbolischer Schritt in diese Richtung für sie)

Es gäbe sicher noch einiges, warum Claudia sich das Foto wünschen würde. Würde das Aufstellen des Fotos das Problem oder die dahinter liegende Befürchtung von Claudia lösen? NEIN!

Sobald das Foto auf dem Schreibtisch von Peter stehen würde, würde Claudia etwas Neues bei Peter suchen, um beweisen zu können, dass die Angst oder das Misstrauen gerechtfertigt sind. Sie würde eine neue Situation suchen um sich zu beweisen, dass sie nicht die Nr. 1 für ihn ist und dem Wunsch nach Eheschließung würde sie dadurch auch nicht näher kommen.

Was Claudia helfen würde ist sich zu fragen, wazu sie sich ein Foto von sich auf seinem Schreibtisch wünscht und dann mit Peter in einem „vorwurfsfreien“ Gespräch ihre Wünsche und Gedanken anzusprechen. Oftmals reicht bereits eine Selbstreflektion, um festzustellen, dass das Problem rein gar nichts mit dem Anderen, in diesem Fall mit Peter, zu tun hat. Das lediglich die eigene Einstellung oder Meinung über den Anderen oder etwas zu einer Erwartungshaltung führt, die durch sich selbst entsteht und nur durch sich selbst wieder behoben werden kann. Klingt konfus und ist doch sowas von erleichternd, denn ich selbst habe dann das Zepter in der Hand und bin nicht für mein Glück von anderen abhängig.

Wenn „ich“ mir selbst keinen Wert beimesse es aber von dem anderen erwarte, dass er „mir“ einen hohen Wert beimisst, werde „ich“ ihn als Depp abstempeln wenn er „mir“ tatsächlich diesen Wert beimessen würde, denn „ich“ bin ja überzeugt, dass „ich“ keinen Wert habe. Jede Geste, jeden Beweis den „mir“ mein Gegenüber bringen würde um „mir“ zu beweisen wie viel „ich“ wert bin, würde „ich“ widerlegen, um weiterhin zu beweisen, dass „ich“ keinen Wert habe. Erst durch „meine“ eigene Änderung über „meinen“ Wert zum positiven, würde „ich“ andere positive Resonanzen ebenfalls zulassen.

Mit dem „ich“ meine ich nicht mich direkt, sondern jeden von uns!

Das war jetzt ein Ausflug in unsere innersten Überzeugungen und daraus entstehenden „inhaltlichen“ Probleme. Mit inhaltlichen Probleme meine ich z. B. den Wunsch nach einem Foto. Ein Symbol im „Sichtbaren“ was jedoch etwas mit einer tiefliegenden Einstellung, Schlussfolgerung oder innersten Überzeugung zu tun hat. Das Foto wird im sichtbaren Bereich nicht weiter helfen, auch wenn es auf dem Schreibtisch stehen wird, so lange die innerste Überzeugung (nicht funktionale Schlussfolgerung) nicht in eine funktionale Schlussfolgerung gewandelt wird.

Der schnellste Weg für Claudia wäre ein contextuelles Coaching Gespräch, um ihre innerste Überzeugung herauszufinden und so zu wandeln, dass sie keine Frage mehr über ein Foto auf dem Schreibtisch hat. Dadurch könnte sie ihre nicht funktionierende Überzeugung in eine funktionale Schlussfolgerung ändern und starten Beweise für die neue Schlussfolgerung zu suchen, um diese zu festigen und zu einem für sie guten Ergebnis zu gelangen z. B. Heiratsantrag, verbindliche und glückliche Partnerschaft…

Aber auch ein Gespräch mit Peter könnte ein Weg sein ihre nicht funktionierende Schlussfolgerung zu ändern und sich für eine funktionierende zu entscheiden um mit Peter glücklich zu sein.

Wichtig ist es das Problem nicht unter den Tisch zu kehren oder schön zu reden, denn dadurch entsteht der dicke Hals, die größere Distanz, die Unzufriedenheit oder sogar die Trennung.

Auch wenn ein Hinschauen, sich bewusst machen, Ansprechen im ersten Moment sehr unangenehm ausschaut und vielleicht auch unangenehm wird, der Ballast der danach abfällt ist deutlich höher und der Gewinn dadurch immens als wenn man weiterhin das Problem oder die Situation nicht ansprechen würde.

Genieße deinen Tag und bis in Kürze
Eva

Erkennst du dich wieder? Bist du in einer Situation die dich belastet und die du gerne lösen möchtest? Willst du nicht mehr wegschauen, sondern etwas Neues erschaffen? Möchtest du glücklich sein? Ich bin contextueller Coach in Ausbildung und stehe dir gerne für ein Gespräch zur Verfügung, melde dich einfach über mein Kontaktformular bei mir.